Kopf des Monats März 2017

Der Matheon Bär

Markenzeichen des Forschungszentrums Matheon


Der Matheon Bär

Interview

High Noon in der Straße des 17. Juni 136 vor dem Mathe-Gebäude der TU Berlin, wo sich auch die Geschäftsstelle des Forschungszentrums Matheon befindet: Es ist kurz vor 12 Uhr mittags und Massen von Studierenden strömen durch die gläsernen Türen hinein und heraus. Wie ein Fels in der Brandung steht mitten unter ihnen der Matheon-Bär, knapp zwei Meter groß.

Du stehst jetzt schon seit beinahe zwölf Jahren hier, als Markenzeichen für das Forschungszentrum Matheon, und bist immer noch ein echter Hingucker. Und Du strahlst so eine freundliche Gelassenheit aus in all dem Trubel hier. Wie machst Du das?


Danke für das Kompliment. Ich wurde von Anfang an viel bestaunt, das war schon ein erhebendes Gefühl. Sicher liegt das auch an meinem besonderen Geometrie-Outfit in stahlblau mit Matheon-Logo, das ich seit dem ersten Tag mit Stolz trage. Insofern kann ich das Kompliment auch an meine Designer weitergeben. Mittlerweile hat sich die Aufregung um mich ein wenig gelegt. Aber ich bin immer da, eine zuverlässige Konstante sozusagen, und es ist immer noch schön zu sehen, wie viele Leute sich „da am blauen Bären“ verabreden.

Würdest Du uns noch ein bisschen mehr von den Anfängen berichten?

Das war damals eine richtig große Sache. Das Matheon wurde drei Jahre alt und da hat der Vorstand – übrigens auf Anregung unserer Finanzfrau Claudia Ewel – beschlossen, quasi als Markenzeichen einen Buddy Bären zu installieren. Damals wurden diese individuell gestalteten Bären überall in der Stadt aufgestellt.

Dein Outfit sollte natürlich etwas mit Mathematik zu tun haben.

Ja, dieses Muster mit seiner Mischung aus Kreisen und dem Matheon-Logo wurde extra für mich entworfen. In seiner periodischen Anordnung musste es sogar extra für mich berechnet werden. Das hat John Sullivan, der bei uns am Matheon und an der TU Berlin Professor für Geometrie ist, und seiner Arbeitsgruppe. Denn es ist gar nicht so einfach, so ein Muster auf einen beliebig geformten Körper aufzubringen.

Was genau steckt dahinter?

Die Idee ist, ein periodisches Muster, das in der Ebene, also etwa auf einem Blatt Papier, bestimmte geometrische Eigenschaften hat, auf eine dreidimensionale Oberläche zu übertragen. Dabei sollen diese geometrischen Eigenschaften erhalten bleiben; das heißt, trotz der uneinheitlichen gekrümmten Oberfläche soll das Muster möglichst wenig verzerrt werden. Dann sagt man, beide Muster sind „konform“ zueinander. Dabei hilft ein Teilbereich der Mathematik, der sich Differentialgeometrie nennt. Beispielsweise schneiden sich die Kreise auf einem ebenen Blatt Papier alle in einem bestimmten Winkel. Und das ist bei mir jetzt auch der Fall – trotz des dicken Bauchs, der großen Nase, Armen und Beinen.

Und wie wurde das dann umgesetzt?

Also, ich muss gestehen, dass ich doch gezwungen war, ein kleines bisschen abzuspecken, damit das wirklich ein geschlossenes Muster ergeben konnte. Und dann habe ich noch eine abenteuerliche Reise hinter mich gebracht – zu einer Firma in Eberswalde, die Projektion des Musters übernommen hat. Kurzerhand wurde ich – damals noch ganz nackt – in so ziemlich alle Decken gehüllt, die Claudia Ewel in ihrem Haushalt auftreiben konnte, und auf einem geliehenen Pritschenwagen festgeschnallt. So ging es in den wilden Osten. Ich wurde eingescannt und dann erst konnte das Muster berechnet und auf mich projiziert werden. Die Konturen wurden nachgezeichnet und schließlich hat mich der Künster Andreas Bittersen coloriert.

Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Seit wann stehst Du denn nun vor dem Mathe-Gebäude?

Ich wurde dort am 4. Juni 2005 in einer Nacht und Nebel-Aktion fest im Boden verankert und bekam einen Umhang. Und am nächsten Tag war es dann so weit: Zur Eröffnung der Langen Nacht der Wissenschaften haben mich in einer feierlichen Zeremonie TU Präsident Prof. Kurt Kutzler, die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf und der damaligen Matheon-Vorstand Prof. Martin Grötschel enthüllt.

Damit warst Du der erste Wissenschaftsbär?

Ja. Da war ich auch sehr stolz drauf. Und das passte sehr gut zu dem Pioniergeist, den das Matheon damals verbreitet hat. Als Forschungszentrum, in dem die WissenschaftlerInnen über viele Grenzen hinweg mit PartnerInnen zusammenarbeiten: Grenzen innerhalb der mathematischen Disziplinen, zwischen Forschungseinrichtungen, zu ganz anderen Fachbereichen und zur Wirtschaft. Damals war das einzigartig in der Welt, mittlerweile haben sich nach diesem Vorbild der Kooperation viele Forschungsverbünde organisiert, nicht nur in der Mathematik.

Inzwischen gehörst Du zum Inventar. Ist das nicht manchmal ein furchtbar langweiliges Dasein, nach so vielen Jahren?

Nein, ganz und gar nicht. Um mich herum ist doch immer was los. Diese vielen jungen Leute, die an mir vorbei ins Mathe-Gebäude strömen, in die Hörsäle oder in die Caféteria. Die kommen ja nicht alle wegen mir, aber viele durchaus wegen des Matheons. Ich schnappe hier und da ein paar Brocken Mathematik auf und bin sogar ein bisschen neidisch darauf, dass die alle hier studieren können. Wir brauchen dringend Nachwuchs in den MINT-Fächern – auf allen Ebenen, von der Schule bis in die Universitäten und die Unternehmen.

Welche Rolle spielt das Matheon dabei?

Zunächst einmal macht das Matheon tolle Mathematik. Hier wird an wichtigen Zukunftsthemen für unsere Gesellschaft geforscht. Zum Beispiel tragen wir maßgeblich dazu bei, neue Wirkstoffe für Medikamente zu entwickeln oder effizientere Solarzellen, eine noch bessere Taktung für den öffentlichen Nahverkehr oder neue photonische Bauelemente. Mithilfe der Mathematik gehen solche Entwicklungsprozesse viel effizienter und schneller.

Dieser konkrete Anwendungsbezug interessiert viele Studierende, die in unseren beteiligten Arbeitsgruppen ihre Bachelor- oder Master-Arbeiten schreiben und hier auch promovieren können. Oder an der Berlin Mathematical School, die im Rahmen des Matheon ins Leben gerufen wurde und jetzt im Rahmen der Exzellenz-Initiative des Bundes gefördert wird.

Damit lassen sich doch sicher auch jüngere und ältere Menschen für die Mathematik begeistern?

Auf jeden Fall. Die Botschaft „Mathematik ist überall und sie ist so spannend wie das Leben selbst“ machen wir auch für Schülerinnen und LehrerInnen zugänglich, und wir tragen sie auch an eine breitere Öffentlichkeit. Dafür haben wir viele tolle Formate entwickelt wie den Matheon-Adventskalender, MathInside, den MatheathlOn, zu deren Gelingen viele Matheon-Mitglieder immer wieder mit großem Engagement beitragen.

Die Zukunft siehst Du also durchaus optimistisch?

Ja. Als Markenzeichen des Matheon habe ich, denke ich, auch allen Grund dazu. Mathematik kann viel bewegen und wir können für die Mathematik viel bewegen. Und wenn ich dann sehe, mit welch leuchtenden Augen zum Beispiel die jungen Gewinner und Gewinnerinnen bei der Preisverleihung der Adventskalender die Mini-Matheon-Bären für's Bücherregal in Empfang nehmen, die wir so als meine Ableger in die Welt verteilen, dann bin mir ganz sicher, dass ich den einen oder die andere von ihnen in ein paar Jahren auch an mir vorbei ins Mathe-Gebäude spazieren sehe.


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